Münster
(fn-press). Als "einen bisher einmaligen Kraftakt für den Verband", bezeichnete
FN-Pressesprecher Dr. Dennis Peiler die Vorbereitungen für die Weltreiterspiele
2010. 45 Tage vor der Eröffnungsfeier und 36 Tage bevor die ersten Pferde in den
Flieger steigen, hatte die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zu einem Journalistenseminar
unter dem Motto "Fit für Kentucky" geladen. Denn vom 25. September bis 10. Oktober
finden die Weltmeisterschaften in acht Pferdesportdisziplinen im US-Staat Kentucky
statt.
Rund 70 Teilnehmer waren der Einladung gefolgt. Im Mittelpunkt standen die acht
Disziplinen Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Fahren, Voltigieren, Reining, Distanzreiten
und Reiten mit Behinderung (Para-Equestrian). Der jeweilige Bundestrainer und
ein Aktiver der Disziplin stellten nicht nur sich, sondern auch die Besonderheiten
ihrer Disziplin vor.
Davor hatten die Journalisten von Reinhard Wendt,
Geschäftsführer des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) und Chef
de Mission in Kentucky einen Überblick über die Organisation, Logistik und Kosten
bekommen. Das gesamte Unternehmen Kentucky koste rund 1,4 Millionen Euro. 53 Pferde
und 259 Personen müssen mit dem Flugzeug in die USA gebracht werden. "200 bis
300 Kilo kommen pro Pferd an Ausrüstung noch dazu", so Wendt.
Auf dem
Programm stand außerdem ein Journalistentalk zum Thema "Gold und sonst nix? Nur
die Medaille zählt?!". An der disziplinübergreifenden Diskussion nahm als Gast
der Weltmeister und zweifache Europameister im Brustschwimmen Mark Warnecke teil
und verhalf zu einem "Blick über den Tellerrand". Sehr fachspezifisch wurde es
dagegen am nächsten Morgen. Dann versammelten sich die Teilnehmer am Dressurviereck
bei den Deutschen Meisterschaften und bekamen über Kopfhörer die Leistungen auf
dem Viereck von Christoph Hess, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und internationaler
Richter, erklärt.
Bei der Vorstellung der Disziplinen saßen Bundestrainer
und Aktive auf dem Podium und gaben einen Überblick über die Sichtungen, den Weg
zur Medaille, die Chancen ihrer jeweiligen Mannschaft und die Konkurrenz. So machte
der Bundestrainer der Springreiter Otto Becker (Sendenhorst), der von Carsten-Otto
Nagel (Wedel) begleitet wurde, deutlich, dass seine ersten Weltreiterspiele für
ihn als Trainer und nicht als Reiter schon ein anderer Druck seien. "Man steht
stark in der Verantwortung, das wird kein Zuckerschlecken." Auf die Frage nach
der Konkurrenz erklärte Becker, dass es viele Nationen gebe, die gewinnen könnten.
"Das ist alles sehr eng zusammen gerückt, das hat man im vergangenen Jahr bei
den EM in Windsor bereits gesehen." Damals musste Meredith Michaels-Beerbaum als
letzter Reiterin in den Parcours und Deutschland hätte sowohl gewinnen als auch
Platz sechs belegen können. Dressur Bundestrainer Holger Schmezer (Verden) antwortete
auf die Frage nach dem Ziel für Kentucky: "Am liebsten an Holland vorbei" und
fügte aber gleich hinzu. "Aber Silber ist das absolute Ziel." Die Favoritenrolle
der Niederländer unterstrich auch Christoph Koschel (Hagen a.T.W.), der erstmals
in einem deutschen Championatsteam an den Start gehen wird.
Der Bundestrainer
der Vierspänner Ewald Meier (Meißenheim) und Vierspännerfahrer Dirk Gerkens (Paderborn)
stellten das Problem dar, dass die Kutschen so früh verschifft werden müssen.
"Dadurch kann es sein, dass der Reserve-Fahrer mit der Kutsche eines Kollegen
fahren muss", sagte Meier. Ulla Ramge (Warendorf), Bundestrainerin der Voltigierer,
die gemeinsam mit Kai Vorberg (Köln) Rede und Antwort stand, berichtete von teambildenden
Maßnahmen als Vorbereitung für die Voltigierer: "Der Teamgeist ist im Spitzensport
entscheidend."
Ingrid Klimke (Münster), die gemeinsam mit Bundestrainer
Hans Melzer (Salzhausen) anwesend war, erklärte, dass die Vielseitigkeitsreiter
ein klares Ziel für Kentucky haben: "Wir werden nach Aachen versuchen, unseren
Titel wieder zu verteidigen."
Im
Reining seien die USA dagegen ganz klarer Favorit, machten Nico Hörmann
(Bünde) und Equipechef Paul Kratschmer (Bad Camberg) deutlich. "Aber wir wollen
dieses Jahr unbedingt aufs Treppchen", so Hörmann.
Auch
die Distanzreiterin Belinda Hitzler (Dillingen) und Equipechefin Ursula Klingbeil
(Buch) gaben einen Podestplatz als Ziel für die Mannschaft aus. "Wir haben uns
da langsam hingearbeitet, in Aachen hatten wir nur knapp den dritten Platz verpasst.
Im Einzel wird eine Medaille aber schwer zu holen sein", sagte Hitzler. Als achte
Disziplin sind die Reiter mit Behinderung zum ersten Mal bei den Weltreiterspielen
dabei. Dr. Angelika Trabert (Dreieich) erklärte die Disziplin Para-Equestrian
und machte deutlich, wie wichtig das Pferd sei und welche Charaktereigenschaften
es mitbringen müsse. "Es muss super sensibel und dennoch mutig sein." Der neue
Bundestrainer der "Para-Reiter" Bernhard Fliegl (Schöneck) ergänzte: "Dass ein
Pferd mit so viel Feingefühl seinen Reiter ins Ziel bringt, ist faszinierend."
Neben der Vorstellung der Disziplinen und den Überblick über den Aufwand,
stellte Dennis Peiler auch Martin Richenhagen, Präsident der Firma AGCO, vor.
Die US-amerikanischen Firma AGCO ist mit ihrer Premiummarke Fendt neuer Hauptsponsor
der deutschen Teilnehmer in Kentucky.
Bei
den Weltreiterspielen, ausgetragen vom 25. September bis zum 10. Oktober in Lexington/Kentucky
(USA), werden für die vertrauten schwarz-rot-goldenen Farben vier überaus erfahrene
Trainer in der Reining an den Start gehen. Für die Reiternation Deutschland, die
Platz eins im Medaillenspiegel belegt (1953 bis 2008 = 59 x Gold, 38 x Silber,
43 x Bronze, 2. USA = 20/24/22, 3. Frankreich = 16/18/11), wurden Grischa Ludwig
(geboren Januar 1974, Bitz), Nico Hörmann (Oktober 1978, Bünde), Emanuel Ernst
(November 1979, Windeck) und die gebürtige Starnbergerin Sylvia Rzepka (August
1976, A-Mitterndorf) in die Equipe Germany berufen. Voran geht mit seinen 36 Jahren
der zweifache deutsche Meister von Kreuth 2001 und Bad Salzuflen 2004, Grischa
Ludwig. Für die Titelkämpfe stellte dem Hausherrn und Trainer vom Schwantelhof,
der in Lexington nach Jerez de la Frontera (Spanien, 2002) und Aachen (2006) seine
dritte WM-Teilnahme bestreitet, Kerstin Grosse (Curtis Hof, Hartmannsdorf) den
erfolgreichen American-Quarter-Horse-Hengst, Hot Smokin Chex, zur Verfügung. Der
Schwabe bedankte sich für das Vertrauen und setzte den neunjährigen Vierbeiner
in den Sichtungsprüfungen so gekonnt und souverän in Szene, dass die Pferd-Reiter-Kombination
mit den gezeigten Leistungen das begehrte Ticket für das Championat im US-Bundesstaat
Kentucky erhielt. „Der Hengst ist ein Ausnahmekönner. ‚Smokie’ und ich haben uns
stetig gesteigert. Für die WM-Wettbewerbe haben wir noch einige Körner übrig,
sodass eine Steigerung durchaus möglich ist“, freute sich Grischa Ludwig, ebenso
wie Pferdebesitzerin Kerstin Grosse, über die Nominierung.
Sie wurde im
Bayernland geboren und wohnt jetzt im Süden der österreichischen Metropole Wiens.
Die Rede ist von Sylvia Rzepka. Im Alter von neun Jahren begann das junge Mädchen
mit dem Reitsport. Drei Jahre später nahm sie an ersten Turnieren teil, und mit
16 Jahren ging Sylvia für ein Jahr in die USA. Zurück in Good Old Germany begann
sie hier Pferde zu trainieren und in Shows vorzustellen. Ab 1998 trainierte Sylvia
bei Vern Sapergia um ihr Können weiter zu entwickeln. Sylvia und Vern heirateten
und gründeten im Jahr 2001 einen Pferdetrainings- und Verkaufstall in Mitterndorf
an der Fischa. Ihre bisherigen Erfolge bei zwei WM-Teilnahmen: Manerbio (2008)
= Teambronze mit Doctor Zip Nic, 5. im Einzel. Aachen (2006) = 4. Platz Mannschaft
mit Golden Mac Jac, 8. im Einzel. Die Amazone wird in Amerika den achtjährigen
Hengst Doctor Zip Nic reiten.
Der Dritte im Bunde ist Nico Hörmann. Der
31-Jährige, der mit seinem WM-Vierbeiner Mister Dual Spring 2005 deutscher Meister
wurde, ist seit Anfang März 2008 in Bünde (Ostwestfalen) beheimatet. Zuvor ritt
der gebürtige Hamburger mehrere Jahre auf der Flachsberg Ranch in Schwanewede.
Der selbstständige Trainer, der auf der Riverlane Ranch sein Domizil aufgeschlagen
hat, wird mit zwei Vierbeinern über den Atlantik fliegen: dem inzwischen zwölfjährigen
Hengst Mister Dual Spring und dem sechsjährigen A Sparklin Rondevouz, den der
Trainer erst seit ein paar Monaten unter dem Sattel hat. „Wir sind von der Aufstellung
her eine sehr starke Mannschaft. Und wenn alles nach Plan verläuft, werden wir
durchaus in der Lage sein, bei der Vergabe der Medaillenränge ein wichtiges Wort
mitzureden“, blickt Nico Hörmann optimistisch nach Lexington.
Auf den Tag
genau um ein Jahr und einen Monat jünger als Hörmann ist Emanuel Ernst. Damit
ist er das „Nesthäkchen“ im Team. Doch keine Sorge: Emanuel ist ein erfahrener
Reiner. Bereits 2006 grüßte er mit seinem genannten WM-Pferd als deutscher Meister
(FN). Im folgenden Jahr gewann Ernst die Mannschafts-Goldmedaille bei den Europameisterschaften
in Mooslarque. Außerdem belegte der Reiter zum Abschluss der Saison (2007) den
ersten Platz auf der FEI World Ranking Liste. Nicht zu vergessen sei der dritte
Platz mit dem Team bei der WM 2008 im italienischen Manerbio. Emanuel Ernst wird
bei den Weltreiterspielen den 1999 geborenen Hengst Legends Diamond Doc satteln.
Equipechef wird Paul H. Kratschmer (Bad Camberg) sein, der Mitte Mai seinen
60. Geburtstag feierte. Der hessische Unternehmer zählt zu den Gründungsmitgliedern
der Disziplin Reining bei der FN und im DOKR. Trainer ist Kay Wienrich (Schwalmtal).
Der 53-Jährige nahm 2002 an der WM in Jerez de la Frontera teil. Vor der WM 2006
in Aachen übernahm er das neu geschaffene Traineramt: Reining. Als Mannschaftstierarzt
wird Matthias Gräber (Weinheim) die Vierbeiner in Amerika betreuen. Gräber, der
seit Jahrzehnten dem Westernreitsport frönt, ist in der Reitsportszene anerkannt.
„Logistisch gesehen ist die Reise eine große Herausforderung, da erstmals eine
komplette Reining-Nationalmannschaft über den großen Teich fliegt. Wir werden
mit einem hochkarätigen Team beim Championat antreten. Wenn alles klappt, rechne
ich mit einem Medaillenplatz“, erklärte der promovierte Tiermediziner. „Der Doc
kennt unsere Sportart des Reitens aus dem Effeff. Er ist deshalb auch genau der
richtige Mann für unsere wertvollen Pferde“, erklärte Grischa Ludwig. Bleibt zum
Schluss nur noch der deutschen Equipe beide Daumen zu drücken – und viel Glück
und Erfolg zu wünschen!